Ehe Frauen auf die Idee kommen, eine Gehaltserhöhung zu verlangen, versuchen sie lieber, an allen Ecken und Enden zu sparen. Männer wissen dagegen meist um den Wert ihrer Leistung – in Geldfragen zeigen sie sich aber oftmals als zu risikofreudig. Karriere- und Finanzcoach Petra Bock erklärt den Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl und Kontostand und gibt Tipps, wie wir zu einem guten und entspannten Verhältnis zum Thema Geld finden.

"Frauen können besser haushalten und neigen dazu, konservativer anzulegen als Männer", sagt Finanzcoach Petra Bock.
Zur Person
Die ehemalige Bankberaterin Dr. Petra Bock ist Autorin, Coach, Organisationsberaterin und eine gefragte Vortragsrednerin. Sie lebt in Berlin und arbeitet mit Unternehmen und Privatkunden in ganz Deutschland.
Petra Bock: Nimm das Geld und freu dich dran: Wie Sie ein gutes Verhältnis zu Geld bekommen; Kösel-Verlag, 224 Seiten, 16,95 Euro
Berliner Akzente: In Ihrem Buch "Nimm das Geld und freu dich dran" sowie in zahlreichen Ihrer Coachings geht es um die psychologischen Aspekte des Themas Finanzen. Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen beim Umgang mit Geld?
Petra Bock: Männer haben in der Regel ein stärkeres Bewusstsein für ihr Einkommen. Sie fragen sich oftmals bereits während ihres Studiums, wie sie später einmal genug Geld verdienen können, um eine Familie zu ernähren. Frauen fehlt dieses Bewusstsein oftmals. Sie können aber besser haushalten und neigen dazu, konservativer anzulegen als Männer, die insgesamt risikobereiter sind und im Laufe ihres Lebens mitunter größere Summen verzocken. Außerdem beobachte ich in meinen Coachings häufig einen Unterschied zwischen Ost und West. Frauen aus dem Westen haben oftmals noch stark das Bild des Vaters verinnerlicht, der sich um sämtliche finanziellen Belange kümmert. Bei Frauen aus dem Osten ist das nicht so.
Generell habe ich beobachtet, dass Frauen, die sich bewusst mit dem Thema Geld beschäftigen, auch sehr verantwortungsvoll damit umgehen. Und noch etwas ist mir aufgefallen: Vielen Frauen geht es besser, wenn sie sich erst einmal eine Geldkultur erarbeitet haben.
Eine Geldkultur?
Ich vergleiche das gerne mit unserer Hygiene- oder Körperkultur: Das Zähneputzen, die Haarwäsche, das Schneiden der Fingernägel – all das erfolgt in regelmäßigen Abständen. Ähnliches wäre für unseren Umgang mit Finanzen wünschenswert. Es reicht nicht, jährlich einen Termin beim Bankberater zu machen. Sinnvoll ist es, sich etwa einmal im Monat Zeit zu nehmen und sich einen Überblick über den aktuellen finanziellen Stand zu verschaffen. Ein "Date mit meinem Konto" nenne ich das. Dabei sollte sich jeder fragen, wie der aktuelle Stand ist und ob das Einnahmeverhalten und das Ausgabeverhalten noch zusammenpassen. Wie ein Pilot sollte ich häufiger überprüfen: Bin ich noch auf Kurs?
Sie behaupten, dass wir alle unser Verhältnis zu Geld verbessern können – wenn wir uns mit unseren Finanzen bewusst auseinandersetzen. Machen wir das nicht sowieso zwangsläufig jeden Tag?
Meiner Erfahrung nach erleben viele Menschen ihre finanzielle Situation als eine Art Naturgewalt oder als etwas Schicksalhaftes. Sie glauben, dass sie selbst und die anderen Menschen entweder viel oder gar kein Geld haben oder dass sie sich jahrzehntelang in einer Art Mittelfeld bewegen, in dem das Geld gerade so reicht. Vielen ist nicht bewusst, dass es Möglichkeiten gibt, den Finanzstatus aktiv zu steuern.
Sie schreiben, dass viele Menschen gar nicht erst auf den Gedanken kommen, mehr Geld für ihre Leistungen zu fordern. Woher kommt dieses Denken?
Dieses Denken hat in Deutschland eine lange Tradition. Gerade Berlin ist eine Stadt, in der es immer einen hohen Prozentsatz an Beschäftigten im Öffentlichen Dienst gab. In diesem Bereich hängt das Einkommen tatsächlich vom Dienstalter und anderen festen Faktoren ab. Der Verdienst ist von vornherein festgelegt und kaum zu beeinflussen. Interessanterweise haben sich auch Angestellte und Freiberufler, die nicht an solche starren Entlohnungssysteme gebunden sind, diese Denkweise zu eigen gemacht. Das ist fatal, denn die meisten Menschen können nicht nur einen starken Einfluss darauf nehmen, wie viel Geld sie ausgeben, sondern auch darauf, wie viel Geld sie einnehmen.
Was müssen wir tun, um mehr Einfluss auf unser Einkommen zu nehmen?
Es ist wichtig, dass wir zunächst unsere eigene berufliche und finanzielle Situation von Grund auf überdenken. Ich berate viele Freiberufler. Oft zeigt sich, dass sie aus Angst, Kunden zu verlieren, ihre Honorarforderungen viel zu niedrig ansetzen. Wenn sie ihre Honorare anheben, stellt sich aber oft der gegenteilige Effekt ein: Sie gewinnen neue Kunden. Den eigenen Marktwert zu kennen, ist ein Zeichen von Professionalität. Und das wird von potenziellen Kunden und Auftraggebern durchaus anerkannt. Bei Angestellten kann ein Jobwechsel oder der Start in die Selbstständigkeit zu einem höheren Einkommen führen.
Lässt sich unser Gehalt auch steigern, wenn wir unserem Arbeitgeber treu bleiben möchten?
Angestellte können alle zwei Jahre das Gehalt neu verhandeln – die besten Argumente haben sie auf der Hand, wenn sie ihre Leistungen nachweislich gesteigert und sich fortgebildet haben. In der Beratung höre ich häufig das Argument: "In meiner Branche wird ohnehin schlecht gezahlt." Doch auch in Bereichen wie der Altenpflege lässt sich das Einkommen steigern – beispielsweise, wenn Pflegekräfte in eine leitende Position aufsteigen. Meiner Beobachtung nach ziehen Frauen die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs viel zu selten in Betracht.
Ihrer Meinung nach gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kontostand und dem Selbstwertgefühl. Wie kommt das?
Unsere Einkommen werden in einem hohen Maß davon bestimmt, was wir glauben, verdient zu haben. Wer sich selbst wertschätzt, weiß auch um den Wert der eigenen Arbeit und wird bei Honorar- und Gehaltsverhandlungen anders auftreten als jemand, der im tiefsten Inneren unsicher ist. Das Gehalt hat deshalb viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun.
Für viele Menschen gelten Sparsamkeit und eine gesunde Vorsicht in finanziellen Dingen als Schlüssel zu einem Leben in materieller Sicherheit. Bringt Sparsamkeit mehr Wohlstand und Wohlbefinden?
Die meisten Menschen versuchen, ihre finanzielle Situation vor allem durchs Sparen zu beeinflussen. Der viel größere Hebel jedoch ist das Einkommen. Durch Sparmaßnahmen wie den Wechsel eines Mobilfunkanbieters oder durch Schnäppchenjagd können wir die finanzielle Situation meist nur unwesentlich verbessern. Wenn wir es dagegen beispielsweise schaffen, eine zehnprozentige Gehaltssteigerung zu erreichen, dann ist dadurch mittel- und langfristig weitaus mehr gewonnen.
Was können wir machen, um ein entspannteres Verhältnis zu unserem Konto zu entwickeln?
Ein einfacher Ratschlag, mit dem viele Menschen gut fahren: Ausgaben ab einem bestimmten Betrag wie beispielsweise 100 Euro sollten wir erst einmal überschlafen. Sehe ich ein Paar Schuhe, das ich ganz toll finde, dann lasse ich es zurücklegen. Ist der Wunsch am nächsten Tag noch immer stark, dann kaufe ich es mir. Einigen hilft es auch, zwei Gläser mit verschiedenfarbigen Murmeln aufzustellen. Für jede 100 Euro, die sie verdient haben, legen sie jeweils eine grüne Murmel in das eine Glas. Für jede 100 Euro, die sie ausgegeben haben, stecken sie eine rote Murmel in das andere Glas. Der Umgang mit dem Thema Finanzen darf ruhig spielerisch sein. Viel schlimmer ist es, wenn Geld zu einem angstbesetzten Tabuthema wird. Eine interessante Erfahrung des Coachings ist: Wenn ich mich mit Geld beschäftige, steuere ich unbewusst meinen Umgang mit dem Geld besser. Erst das Nichtwissen um die finanziellen Verhältnisse verführt dazu, zu viel auszugeben.
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Zuletzt aktualisiert: 12.08.2010
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Fotos:
Nils Olaf Schröder, Promo