Geld & Finanzen

Jagd ums Erbe

Bild vergrößernSabine Flick

Sucht Erben: Sabine Flick von der Berliner Gesellschaft für Erbenermittlung.

Die Aufspürer


Die GEN Gesellschaft für Erbenermittlung hilft auch bei Familienzusammenführungen und bei der Beschaffung von Nachweisen für eine Erbberechtigung.

Bennostraße 2, 13053 Berlin, Tel.: 98 60 23 70; www.gen-gmbh.de

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Erben gesucht: Weil keine Erben gefunden wurden, erhielt allein das Land Berlin im Jahr 2009 vier Millionen Euro.

Konten-Nachforschung


Wer als Erbe feststeht, aber den dringenden Verdacht hat, dass beträchtliche Teile des Nachlasses auf unbekannten Bankkonten schlummern, kann ebenfalls Agenturen einschalten oder bei den Bankenverbänden eine Konto-Nachforschung starten.

Wichtig ist...


... hierfür die Vorlage des Erbscheins und die regionale Eingrenzung der Suche. So ist es wichtig, die letzte sowie frühere Wohnanschriften des Verstorbenen zu nennen. Eine deutschlandweite Abfrage ist nicht möglich.

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Detektivische Suche in Karteien und Co.: Bei größeren Summen kommen die "Erben-Ermittler" zum Einsatz.

Erben? Unbekannt. Rund sechzigtausend Mal pro Jahr findet sich bei Todesfällen niemand, der den Nachlass beansprucht. Dann sind Ermittler am Zug, die sich mit detektivischem Gespür und manchmal jahrelang auf die Suche begeben. Am Ende klingeln sie bei völlig ahnungslosen Menschen und überbringen die freudige Nachricht: Guten Tag, Sie haben anderthalb Millionen Euro geerbt.

Schon mal vom reichen Onkel in Amerika geträumt, der einem unverhofft ein kleines Vermögen hinterlässt? So etwas gibt es nicht? Gibt es wohl. Schätzungen zufolge sind in Deutschland jedes Jahr bei rund sechzigtausend Todesfällen die Erben unbekannt. Bleiben sie unauffindbar, fällt das Geld an den Staat. Allein das Land Berlin erbte im Jahr 2009 von 549 Verstorbenen insgesamt 4,22 Millionen Euro.

Größere Summen sind ein Fall für die Erben-Ermittler

Werden die Erben allerdings später gefunden, muss das Geld wieder zurückgezahlt werden. Auch deshalb schalten sich in solchen Fällen – und gerade wenn es um eine größere Summe geht – immer häufiger sogenannte Erben-Ermittler ein: Menschen und Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, mit detektivischem Gespür und unermüdlicher Geduld die Erbberechtigten ausfindig zu machen.

Ein lohnendes Geschäft für beide Seiten: Die Erbberechtigten, die den Verstorbenen meist noch nicht einmal kannten, bekommen aus heiterem Himmel eine hübsche Summe Geld in die Hand – und die Ermittler erhalten aus dem Nachlass bis zu 33 Prozent Provision. Die ist allerdings auch hart erarbeitet.

Bis zu zwölf Jahre dauert die Suche

"Im Schnitt brauchen wir ein bis vier Jahre, bis wir die Erben gefunden und ihre Berechtigung nachgewiesen haben", sagt Sabine Flick, Geschäftsführerin der Berliner "Gesellschaft für Erbenermittlung" (GEN), die vor genau zwanzig Jahren gegründet wurde und eine der größten Agenturen auf dem deutschen Markt ist. "In extremen Fällen kann es auch zehn oder zwölf Jahre dauern."

Häufig kommt die Agentur zum Zuge, wenn ein Nachlasspfleger alleine nicht mehr weiterkommt – wie Ende der Neunzigerjahre im Fall von Nikolaj Sagrekow. Der deutsch-russische Maler war in den Zwanzigerjahren nach Deutschland ausgewandert und lebte 70 Jahre lang in Berlin. Er war Porträtist des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt und des Bundespräsidenten Walter Scheel. Als er 1992 in Spandau starb, hinterließ er eine riesige Sammlung von Bildern und ein stattliches Haus. Nur die Erben waren unauffindbar.

Verwandte in Moskau aufgespürt

Nach acht Jahren vergeblicher Suche beauftragte der Testamentsvollstrecker die Familienforscher von GEN. Zwei weitere Jahre dauerte es, bis die Agentur in der Nähe von Moskau endlich Sagrekows Onkel, Tanten und Neffen aufspürte. Die Familie fiel aus allen Wolken. Von dem in Deutschland recht bekannten Maler hatte sie nie gehört. Die Bilder durften in Berlin bleiben und sind bis heute in einer Dauerausstellung zu sehen.

"Die meisten Menschen, die wir über so eine Erbschaft informieren, können es gar nicht fassen. Die sind überglücklich", erzählt Sabine Flick. Jedes Jahr bekommt die Agentur 320 bis 350 neue Fälle hinzu; zwischen 1000 und 3000 Erbberechtigten jährlich kann GEN die frohe Erbschaftsbotschaft überbringen. "Ich würde schätzen, 20 bis 30 Prozent dieser Menschen sind sehr bedürftig", sagt Flick. "Sie schreiben uns Dankesbriefe und dass sie jetzt zum ersten Mal in die dringend benötigte Kur gehen können."

Durchwühlen von Kirchenarchiven

Vor solchen Glücksmomenten steht jedoch harte Arbeit. Rund sechzig Mitarbeiter sind bei GEN beschäftigt. Vor allem Historiker und Juristen wühlen sich auf ihrer Suche nach vergessenen Familienbanden durch Kirchenarchive und alte Adressbücher, durch Jahrzehnte alte Steuerunterlagen und Grundbücher. Manchmal müssen die sogenannten Genealogen (Familienforscher) bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen. In fast jedem dritten Fall führt die Suche ins heutige Polen, in beinahe jedem fünften auf einen anderen Kontinent.

"Wer bei uns erfolgreich sein will, der braucht Jagdfieber", sagt Sabine Flick. "Ein guter Rechercheur zu sein, reicht nicht. Man muss den Erfolg unbedingt wollen." Denn klar ist auch: Das Honorar der Erbenermittler ist eine reine Erfolgsprämie. Kann die Agentur die Erben nicht finden oder ihren Anspruch nicht belegen, hat sie auch finanziell umsonst gearbeitet. "Die Erbschaft sollte mindestens 50.000 Euro betragen, sonst lohnt es sich nicht", sagt Flick. "Schließlich tragen wir auch das Risiko."

Einmal habe die Agentur nach den Erben eines anderthalb Millionen Euro schweren Vermögens gesucht. "Alles war schon fertig, wir hatten 40 Erben ermittelt, die Erbscheine besorgt, Tausende Stunden Arbeit investiert. Und dann tauchte beim Antiquitätenhändler in einem alten Sekretär das Testament auf. Es war hinter eine Schublade gerutscht. Unsere gesamte Arbeit war umsonst." Geerbt hat dann der Nachbar. "Der Genealoge saß hier und hat geweint."

Kontakt zum Autor: Marion Meyer-Radtke


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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010 · Fotos: colourbox.com (3), GEN Gesellschaft für Erbenermittlung mbH