
Hat gut lachen: Wolfgang Lübkes Behörde deckt jährlich Steuersünden von 50 Millionen Euro auf.
Die Selbstanzeige
Welche Auswirkungen eine Selbstanzeige hat, was dabei zu beachten ist und wie lange eine Steuerhinterziehung verfolgt werden kann – darüber informiert die Berliner Senatsverwaltung für Finanzen.

Einbruch nützt gar nichts: Das Finanzamt am südlichen Zipfel von Berlin gehört zu den bestgesicherten Gebäuden Berlins.

Kein (Akten-)Berg ist zu hoch: Wolfgang Lübke brennt für seinen Beruf.
Berlin hat die größte Steuerfahndungsstelle Europas. 150 Beamte gehen hier jedes Jahr rund 1200 Fällen von Steuerbetrug nach. Die Hinweise kommen meist aus den Finanzämtern, manchmal verplappern sich die Sünder aber auch selbst. Um harte Beweise zu sichern, durchkämmen die Fahnder täglich Wohnungen, Büros und Banken vom Keller bis zum Boden. Was sie dort finden, ist oft haarsträubend.
Ein Archiv in Rot. In endlosen Reihen ziehen sich die Akten hin. Regal für Regal, Gang für Gang. Hinter jedem roten Deckel verbergen sich Hinweise auf Hinterziehung. Manchmal steht auch Entlastendes in den Ordnern, meistens jedoch handelt es sich um handfeste Beweise für Betrug. Papierkram, der Millionen wert ist. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass das "Finanzamt für Fahndung und Strafsachen" am südlichen Zipfel von Berlin zu einem der bestgesicherten Gebäude der Stadt gehört.
Wenn Herr Lübke Rot sieht
Wolfgang Lübke bekommt leuchtende Augen, wenn er von diesem Archiv erzählt. "Unser Lager für Beweismittel ist mehrere Kilometer lang, und das alles ist so gesichert, dass niemand rankommt", sagt er. "Deshalb nützt Einbruch gar nichts. An unserem alten Standort am Tauentzien haben tatsächlich mal welche versucht, übers Dach einzusteigen, um Belastungsmaterial zu stehlen. Aber das bringt nichts, weil wir nämlich alles doppelt haben." Und schon legt sich ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht des 62-Jährigen.
Wer glaubt, Steuerfahnder seien staubtrockene Beamte, die humorlos auf Paragraphen herumreiten, sollte mal Wolfgang Lübke kennen lernen. Der gelernte Jurist leitete zwanzig Jahre lang die Berliner Steuerfahndung. 1996 wurde die dem neuen Berliner Finanzamt für Fahndung und Strafsachen zugeordnet. Mittlerweile steht er an der Spitze der Bußgeld- und Strafsachenstelle und damit der "Staatsanwaltschaft der Finanzverwaltung". Was er an seinem Beruf liebt? "Wenn ich morgens ins Büro komme, weiß ich nicht, wie der Tag endet. Wir arbeiten hier nicht, wie man sich so einen Beamtenberuf vorstellt."
Größte Fahndungsstelle westlich des Urals
Die Steuerfahndungsstelle in Berlin ist "die größte westlich des Urals", wie Lübke sagt. Das liege aber an der schieren Größe der Stadt. Berlin sei keinesfalls die Hauptstadt der Steuerhinterzieher. Nur zum Vergleich: In ganz Deutschland gibt es rund 15.000 Steuerfahnder – da nehmen sich die 140 Fahnder und rund 150 weiteren Mitarbeiter des Spezialfinanzamts in der Ullsteinstraße eher bescheiden aus.
Zu tun haben sie jede Menge. Allein in Berlin werden jedes Jahr hinterzogene Steuergelder zwischen 30 und 50 Millionen Euro entdeckt. Wenn spektakuläre Fälle dabei sind, liegt die Summe auch weitaus höher. Rund 4000 Steueranzeigen laufen jedes Jahr beim Finanzamt ein. "Der größte Teil ist aber Quatsch", sagt Lübke. Da versucht dann schon mal ein missgünstiger Nachbar dem anderen etwas unterzuschieben. Nur zwei bis drei Prozent aller Fälle gehen auf diese Anzeigen zurück. Der größte Teil beruht auf Prüfungen der Finanzämter und Hinweisen aus anderen Behörden. Rund 1200 Fälle kommen so jedes Jahr neu hinzu.
Große Anschaffungen machen Beamte misstrauisch
Am Anfang stehen meist Ungereimtheiten. Ein Friseurladen, dessen Einnahmen deutlich unter dem statistischen Mittel für die Branche liegen. Oder ein Sammler, der angeblich nur wenig verdient, aber in der Zeitung darüber klagt, dass seine Briefmarken im Millionenwert gestohlen worden seien. Da fragt sich der pfiffige Fahnder: Wie kann sich der Mann die eigentlich leisten?
Wer eine Erbschaft von Oma nachweisen kann, ist bald aus dem Schneider. Bei den anderen läuft die Ermittlungsmühle an. Nach x-facher Prüfung aller Hinweise machen sich die Fahnder an den aufregendsten Teil ihrer Arbeit: die Hausdurchsuchung. An mindestens vier Orten wird zeitgleich gesucht: in der Wohnung, in der Firma, bei der Bank und beim Steuerberater, und das jeweils mit mindestens drei Fahndern. Das erfordert einen minutiösen Einsatzplan und eine gute Vorbereitung: Wie viele Standorte gibt es? Wie viele Ausgänge haben die Gebäude? Welche Schlösser sind eingebaut? "Wenn die Werbung bei Ihnen klingelt, kann das auch der Fahnder sein, der sich bei Ihrem Nachbarn die Tür ansehen will."
Und dann wird das Haus durchsucht
Und dann wird gesucht. "Entweder von links nach rechts oder von rechts nach links, in jedem Zimmer nach dem gleichen Prinzip, vom Keller bis zum Boden und bis hin zum Auto", erzählt Lübke. "Das Schlafzimmer kommt immer zum Schluss. Die Sparbücher sind fast immer zwischen der Wäsche." Nicht immer ist es schön, was die Fahnder so zu sehen bekommen. "Sie glauben gar nicht, wie viele Messies es gibt, und in Kreisen, von denen man es nicht vermuten würde", sagt Lübke. Immer wenn er denkt, er hat schon alles gesehen, kommt die nächste Überraschung. "Einmal war da mitten in der Wohnung ein Sandhaufen. Für den Hund. Die Besitzer hatten keine Lust, Gassi zu gehen."
Ob Promi oder Politiker – wer Steuern hinterzieht, ist dran. "Die Großen übrigens zuerst", betont Lübke. Damit sich die Fahndung auch richtig lohnt. Manchmal kommen die Sünder den "Steuerpolizisten" allerdings auch durch Selbstanzeigen zuvor. "In manchen Wochen gibt es nur eine Selbstanzeige, nach Fällen wie Liechtenstein haben wir plötzlich zwei bis drei täglich", berichtet Lübke. Denn wer erwischt wird, kann theoretisch für zehn Jahre ins Gefängnis wandern. Oft drückt einfach das schlechte Gewissen, manch einer steigt durch seine Betrügereien auch schlicht nicht mehr durch. Die Selbstanzeige kann da ein Ausweg sein. Besser ist es, meint Lübke: "Ich sage immer: Am Ende kriegen wir sie alle."
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Autor:
Marion Meyer-Radtke
Zuletzt aktualisiert: 03.02.2010 · Fotos:
colourbox.com (Montage), Marion Meyer-Radtke (3)