Einst schwitzten hier DDR-Arbeiter – jetzt kreative Köpfe in der Sauna: Reihenweise werden alte Ostberliner Fabrik-Etagen zu neuen komfortablen Luxus-Lofts umgebaut. Ausgerechnet in der ehemaligen Parteizentrale der SED entsteht nun der erste Nobel-Klub nach Londoner Vorbild. Und sogar im Ex-DDR-Gefängnis hält das "Loft-Living"-Einzug.

Endlose Weite im Wohnzimmer: So prächtig wohnt es sich in alten Fabrikhallen.
Hätte der einstige DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht das noch erlebt, er hätte wahrscheinlich mit glutrotem Kopf und kräftigem Fußtritt auf den Boden gestampft. Der Urheber des berühmten Zitats "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" müsste heute mitansehen, wie aus der ehemaligen SED-Parteizentrale an der Torstraße in Berlin-Mitte eine Luxus-Loft-Anlage wird.
Einstige SED-Parteizentrale wird Luxus-Klub
Jahrzehntelang bröckelte das leer stehende Gebäude des Arbeiter- und Bauernstaates unweit des Alexanderplatzes vor sich hin, nun sind seit geraumer Zeit erneut die Arbeiter eingezogen – die Bauarbeiter. Sie bauen den exklusiven Klub "Soho House". Bereits 2010 sollen hier Künstler, Journalisten und Filmemacher wohnen, arbeiten und diverse Annehmlichkeiten genießen können: Im Keller dürfen sie im Fitnessraum pumpen, in der Sauna oder im türkischen Bad schwitzen oder im Kinosaal Platz nehmen.
Neben Großraumbüros sind ein paar Etagen höher noble Appartements in Vier-Sterne-Qualität geplant. Auf der Dachterrasse des denkmalgeschützten Hauses wird Berlins kreative Elite demnächst in einer Lounge und in Clubräumen auf erfolgreiche Geschäfte anstoßen oder ein paar Bahnen im Swimmingpool ziehen und währenddessen den Ausblick auf die Stadt genießen.
So viele Fabrikgebäude wie sonst nirgendwo
Damit setzt der neue Eigentümer, das deutsch-britische Unternehmen Cresco Capital, zum ersten Mal in Deutschland ein Luxus-Klub-Konzept um, dass sich in Städten wie London, New York oder Hongkong längst etabliert hat. In London kostet eine exklusive Mitgliedschaft bis zu 950 Euro Jahresbeitrag.

Bis zu 820.000 Euro investieren Käufer in Loft-Wohnungen wie diese in den Puccini-Höfen.
Dass vor allem in Berlin haufenweise neue Luxus-Lofts entstehen, ist kein Wunder: Keine andere deutsche Stadt verändert sich derzeit so rasant, und keine andere hat zudem so viele unrenovierte Fabrik-Flächen zu bieten wie die ehemalige Industrie-Metropole. Firmen wie AEG und Siemens produzierten hier im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Glühbirnen, Dampfturbinen, Flugzeugmotoren oder Elektro-Lokomotiven. Die Millionenstadt bot tausende Arbeitsplätze in großen Industrie-Arealen.
Wohnen in Mitte mit Schwimmbad und Spa
Vor allem in den Ost-Bezirken tat sich nach dem Mauerfall ein wahres Schlaraffenland für Investoren auf, die die leer stehenden Flächen seit Jahren günstig erwerben, sanieren und im Anschluss teuer verkaufen. Eine Ausstattung mit gehobenen Details scheint schon zum Standard zu gehören. Nur einen Steinwurf vom "Soho House" entfernt residieren Loftbesitzer zum Beispiel ähnlich gehoben im Gebäude "Torstraße 140".
Hinter der grau-beigen Fassade des ehemaligen Verwaltungsgebäudes warten allerlei Annehmlichkeiten: allen voran ein Schwimmbad im ehemaligen holzgetäfelten Festsaal, Warmwasseraufbereitungs-Anlagen, die den "Tee und Kaffee noch besser schmecken lassen", ein Spa und aus den USA importiertes rotes Eichen-Parkett. Der Presse gegenüber gibt man sich äußerst verschlossen, will über die Hintergründe nichts verraten.
Verschwenderisch große Räume
"Damals war alles so wüst und fensterlos, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, was hier einmal draus werden kann", erzählt hingegen Matthias Kramer (40), der in einer ehemaligen Gummiwarenfabrik in Berlin-Weißensee eine Loftwohnung mit Kamin, Fußbodenheizung und offener Küche erworben hat. Riesige Fensterfronten, alte Backsteinmauern, verschwenderisch große Räume auf insgesamt 245 Quadratmetern – das ist neue Wohnfreiheit.

Wo Arbeiter früher Gummiwaren herstellten, entstand ein luxuriöses Arbeitszimmer.
"Bis auf das Schlafzimmer und das Bad ist die Wohnung komplett offen, man kann von jedem Winkel alles überblicken", schwärmt der Unternehmer. Heute sind die "Puccini-Hofgärten" ein Prestige-Projekt, das den Stadtteil Weißensee aufwerten soll. Rund 28 Millionen Euro hat die Berliner Unternehmensgruppe Ticoncept hier in 40 Lofts und 13 Townhouses investiert. "Die Lofts gingen als erstes weg", sagt Projektentwickler Maik Renner. Kostenpunkt für das neue Wohngefühl hinter alten Backsteinmauern: zwischen 150.000 und 820.000 Euro.
Das Loft-Label ist das Verkaufsargument
Das Käuferinteresse ist so groß, dass trotz zahlreich vorhandener Fabrikflächen sogar Neubauten als "Lofts" firmieren. "Eigentlich ist das ein Widerspruch in sich", sagt Anne Riney, Büroleiterin der Immobilienagentur Engel & Völkers in Mitte. Denn Lofts seien immer ehemalige Gewerbegebäude mit großen Räumen und Fenstern. Doch das Label "Loft" ist bei jungen, wohlhabenden Käufern, die nach Berlin ziehen, längst zum Ausschlag gebenden Verkaufsargument geworden.
So mancher lässt beim Verwandtschaftsbesuch auf dem Lande gerne die Info fallen, dass er in einer einstigen Backfabrik, Mälzerei oder Knopf-Manufaktur sein neues Domizil bezogen hat. Immobilienmaklerin Riney bemerkt seit 2004 einen anziehenden Markt fürs "Loft-Living". Der Immobilienmarkt habe sich in den vergangenen Jahren erholt, ausländisches Kapital und eine kaufkräftige Klientel strömen mit guten Jobs nach Berlin. Selbst in der derzeitigen Wirtschaftskrise erachten viele ein gehobenes Loft mit Swimmingpool und vielerlei sonstigem Luxus in den angesagten Szene-Bezirken Berlins als solide Wertanlage.
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Die gehobene Mittelschicht auf Einkaufstour
Oft sind es kinderlose Paare oder ältere Eheleute, deren Kinder bereits aus dem Haus sind. Auf jeden Fall sprechen Lofts die gehobene Mittelschicht an, zum Beispiel Paare, bei denen beide berufstätig sind und die entsprechend gut gespart oder geerbt haben. Sie schätzen das individuelle Wohnen mit reichlich Platz und fernab der vielen, in eine Straße gepferchten gleich aussehenden Reihenhäuser am Stadtrand.
Hinzu kommt in Berlin der Trend, vom Land zurück in die Innenstadt zu ziehen, um sich lange Arbeitswege zu ersparen und vom reichhaltigen kulturellen Angebot in der Innenstadt zu profitieren. Meistens werden die Lofts zum Wohnen genutzt, aber auch Architekten, Designer, Werber und Medienschaffende schätzen die großen Flächen als kreative Ideenschmiede und repräsentativen Firmensitz. Gerade fertig gestellt wurde zum Beispiel die "Fabrik Berlin" in Prenzlauer Berg. Einst wurden hier Zigaretten hergestellt – heute rauchen in den weiträumigen "Office-Lofts" die Köpfe von Start-up-Unternehmern, zum Beispiel von Internetfirmen, während im Erdgeschoss ein Reformhaus Biokost anbietet.
Wohnen, wo einst ein Gefängnis stand
Und sogar hinter ehemaligen Gefängnismauern wohnt es sich in Berlin ganz vortrefflich. Wo in der Rummelsburger Bucht im Stadtteil Lichtenberg bis 1990 Häftlinge der DDR einsaßen, und sogar einst Erich Honecker seine Zeit hinter Gittern verbrachte, ist eine Wasserstadt mit Luxus-Wohnungen entstanden, die unter dem Namen "BerlinCampus" eine kaufkräftige Klientel anlockt. Hinter lachsrosa Backstein wohnt diese großzügig mit bodentiefen Fenstern, drei Meter hohen Räumen und Ausblick auf den Fernsehturm am Alexanderplatz. Dass es sich bei dem Gebäude-Ensemble um eine der wichtigsten ehemaligen Haftanstalten der DDR handelt, verschweigen die Werbetexte auf der Internetseite.
Und angesichts der gehobenen Ausstattung der Luxus-Wohnungen mit Parkettböden, edel gestalteten Bädern und großzügigen Dachterrassen mag an die düstere Vergangenheit des Gebäudes mit Gitterstäben und kleinen Gefängniszellen nicht mehr viel erinnern. Übrig geblieben ist nur die alte Backstein-Außenmauer.
Kontakt zum
Autor:
Jörg Oberwittler
Zuletzt aktualisiert: 15.12.2009 · Fotos:
JSK Architekten, flickr.com/creative location, Ticoncept (2)