Wenn aus Bargeld Kohle wird

Vor allem in der Weihnachtszeit kokelt so mancher Geldschein unbeabsichtigt am Adventskranz an.
Angebrannt, vom Hund zerfressen oder geschreddert: Allein 2007 zerstörten die Deutschen versehentlich Scheine und Münzen im Wert von 16,6 Millionen Euro. Welch skurrile Geschichten Kassierer erleben und warum auch eine Plastiktüte mit Geldfetzen noch einen fünfstelligen Betrag bringen kann.
Kassiererin Petra Wolfgramm ist einiges gewöhnt. Bis zu sechs Kunden kommen täglich ins PrivatkundenCenter der Berliner Sparkasse am Alexanderplatz und legen mit verzweifelter Miene Geldscheine auf den Tisch – besser gesagt: was davon übrig geblieben ist.
Mal hat’s der Hund zerfressen, das Kind bekritzelt oder der Brieföffner aufgeschlitzt. Einmal hat ein Kioskbesitzer sogar ein paar Scheine aus Versehen in die Mikrowelle gesteckt. Oft zücken Kunden verfärbte Scheine hervor, die sie zum Beispiel beim Jeansfärben in der Hosentasche vergessen hatten.
Mehr als die Hälfte muss noch vorhanden sein
Meistens haben die unbeabsichtigten Geldvernichter Glück. Der Schein wird ersetzt, wenn mehr als die Hälfte vorhanden ist oder glaubhaft nachgewiesen werden kann, dass der fehlende Teil vernichtet wurde. Eine Sicherheitsmaßnahme, die die Europäische Zentralbank vorschreibt. Sonst könnten gewiefte Betrüger die zweite Hälfte des Scheines an einem anderen Tag vorbeibringen und doppelt kassieren.
Hier wird Ihnen geholfen:
Beschädigtes Bargeld nimmt die Berliner Sparkasse an 20 Kassenstandorten kostenlos entgegen.
Auch die Deutsche Bundesbank unterhält in allen größeren Städten Filialen, wo kaputte Scheine und Münzen ersetzt werden.
Geldnoten als Notizzettel missbraucht
Von der 5-Euro-Note bis zum 500-Euro-Schein: Es trifft alle Stückelungen gleich, wie die Kassierer der Berliner Sparkasse am Alexanderplatz – eines der PrivatkundenCenter mit dem höchsten Kundenverkehr in Berlin – aus Erfahrung wissen. Am häufigsten erlebt Kassiererin Wolfgramm, dass Kunden die Noten als Notizzettel für Telefonnummern missbrauchen oder versehentlich einreißen.
Auch eine ganze Plastiktüte mit zerschredderten Scheinen wurde bereits abgegeben. „Die haben wir aber nicht angenommen“, erinnert sich Petra Wolfgramm. Gleiches gilt für das Notenbündel, das ein jüngerer Mann aus seinen klatschnassen Socken gezogen hat.
Analysezentrum rekonstruiert zerstörte Scheine
Sparkassenkunden können ihre beschädigten Scheine in Berlin an 20 Kassenstandorten kostenlos abgeben. Die Noten werden anschließend gesammelt und entweder bei der Bundesbank in Frankfurt am Main entsorgt oder an das angeschlossene „Nationale Analysezentrum für beschädigtes Bargeld“ in Mainz weitergeleitet. Dort prüfen zwei Experten jeden Fall und entscheiden, ob die Summe ersetzt wird. Mutwillig zerstörte Scheine oder Münzen werden nicht umgetauscht, sagt die Leiterin der Gruppe „beschädigtes Bargeld“, Ursula Hüsch.
Ihr bislang skurrilster Fall: Die Plastiktüte einer Frau mit zerschredderten 500-Euro-Noten in – wie anfangs vermutet – fünfstelliger Höhe. Die Frau hatte es im Schrank ihrer verstorbenen Mutter gefunden, die ihr offenbar das Erbe nicht gönnen wollte. Unterm Mikroskop nahmen sich die Mitarbeiter dem „Kleingeld“ der besonderen Art an und legten jeden Schnipsel in monatelanger Arbeit mühevoll zusammen. Am Ende überstieg die Summe den anfangs geschätzten Wert sogar um das Fünffache.

Auch gern genommen: der vergessene Schein in der Hosentasche nach der Wäsche.
Koffer ersteigert – Geldbündel gefunden
Ebenfalls Glück hatte eine Frau, die bei einer Haushaltsauflösung einen Koffer ersteigert hatte. Kurz vor ihrem Urlaub fand sie beim Saubermachen in der Seitentasche ein beschädigtes Geldbündel im Wert eines unteren vierstelligen Betrags. Zwar musste sie das Geld melden und wieder zurückgeben – durfte sich aber über einen Finderlohn freuen. Laut Gesetz beträgt er drei Prozent ab einer Summe von 500 Euro. Somit dürfte der Fund die Ausgabe für den Koffer allemal eingespielt und den Urlaub versüßt haben.
20.000 Anträge zur Rekonstruktion von zerstörten Scheinen und Münzgeld gehen jährlich in Mainz in der Abteilung „H 123“ ein. Die Zahl hat sich seit Jahren auf diesem Niveau eingependelt, berichtet Hüsch. Eine Statistik, welche Schäden am häufigsten sind, existiert nicht. Die größten Feinde des Geldes dürften allerdings Brände, Feuchtigkeit, Schredder, Hundezähne und Kinderhände sein.
Verfärbte Noten aus Werttransporten
Besonders häufig trifft ebenfalls verfärbtes Geld ein, das bei Geldtransporten durch Fehlauslösungen von „Raubstopp-Vorrichtungen“ verschmutzt wurde. Wenn Geldtransporteure unsachgemäß mit Bargeld-Kisten umgehen, platzt im Inneren eine Farbpatrone – eigentlich eine Sicherheitsmaßnahme, die das Geld ähnlich wie bei Kleidungsstücken im Kaufhaus für Diebe wertlos machen soll.
Zur Weihnachtszeit kommt besonders oft angebranntes Geld, in den Sommermonaten mit vielen Hochzeiten landen vor allem liebevoll laminierte Scheine auf dem Tisch. Viele wissen offenbar nicht, dass beim Heißlaminieren die Folie so stark mit dem Papier verschmilzt, dass sie beim Ablösen den Schein beschädigt.
Kreative Geldzerstörungen bei Präsenten
Eigentlich fällt das unter mutwillige Zerstörung von Bargeld, meint Hüsch. Doch traurige Hochzeitspaare erhalten in den meisten Fällen neue Scheine. Ein bleibender Eindruck des Laminierens bleibt dennoch in Form von Rennerei und Schriftverkehr mit der Bundesbank, weshalb Hüsch dringend von derartigen kreativen Geldzerstörungen abrät.
Auch sechs Jahre nach der Einführung des Euro als Zahlungsmittel gehen ebenfalls noch einige kaputte DM-Scheine bei der Bundesbank ein. Sie werden oft in Nachlässen oder Geldverstecken, wie zum Beispiel in alten Möbeln, gefunden und sind entsprechend vermodert oder verschmutzt.
Das genaue Rekonstruktions-Prinzip bleibt geheim
Die Mitarbeiter des Analysezentrums rekonstruieren angekokelte, zerbissene oder geschredderte Scheine mit speziellen Werkzeugen anhand der Sicherheitsmerkmale wie zum Beispiel Silberfäden, Hologramme, Blindenelemente oder spezielle Linienmuster. Das genaue Prinzip bleibt allerdings streng geheim. Aus Sicherheitsgründen. Man will es Betrügern nicht zu einfach machen.
Hüsch rät, beschädigte Geldscheine keinesfalls wegzuwerfen, sondern immer entweder in den Filialen der Bundesbank, die es in allen größeren Städten gibt, oder beim eigenen Kreditinstitut abzugeben. Denn oft führen die Geschichten am Ende zum Guten. Wer einen Euro-Schein versehentlich mal mit in die Waschmaschine steckt, sei zudem beruhigt: „Einen normalen Waschgang“, sagt Hüsch, „durchlebt eine Euro-Note unbeschädigt“.
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Autor:
Jörg Oberwittler
Zuletzt aktualisiert: 04.08.2010